Der Solidaritätspreis der NRZ und der freddy fischer stiftung
Die NRZ und freddy fischer stiftung lobten einen Solidaritätspreis für Ehrenamtler aus.
NRZ, 25. Mai 2011, Texte: Michael Passon
So viel Kraft an Rhein und Ruhr: Es hat uns überrascht, überzeugt und auch ein bisschen stolz gemacht: Die Resonanz auf den neu ins Leben gerufenen Solidaritätspreis war enorm, mehr als 50 tolle Projekte an Rhein und Ruhr sind uns ans Herz gelegt worden. Hunderte Menschen, die in ihrer Freizeit aufopferungsvoll, aus Überzeugung und vor allem im Verborgenen dafür sorgen, dass das Leben vor ihrer Haustür ein Stückchen besser wird. Es steckt so viel Kraft im NRZ-Land. Ihre Kraft. Entstanden ist die Idee, dem Ehrenamt ein Gesicht zu geben und es zu honorieren, aus den Erfahrungen, die wir mit unserem Verein "Klartext für Kinder - Aktiv gegen Kinderarmut!" gemacht haben.
Wir stellen Ihnen hier die Gewinner des mit 10.000 Euro dotierten Preises vor, die Jury hatte eine äußerst schwierige Aufgabe. Ein ausgeklügeltes Punktesystem bewertet Leistungen wie Nachhaltigkeit, Innovation, Integration oder zeitliches Engagement. Sieben Projekte lagen danach ganz nah beieinander, über die Platzierung entschieden schließlich eine herzhafte Debatte und die Bäuche. Weshalb der dritte Platz auch geteilt wurde. Sonderpreise in Form von Restaurantgutscheinen erhalten die "Kulturhauptstadtbewohner" aus Essen, der Verein "Gemeinsam gegen Kälte" in Duisburg und der "Integrationskreis Regenbogen" aus Oberhausen. Die Gewinner werden in einer kleinen Feierstunde Ende Juni geehrt.

Die Jury hatte einen schweren Job:
(v.l.) Arnd Brechmann - Sparkasse Essen, NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers, Michael Passon - Lokalchef der NRZ Moers, Freddy Fischer - freddy fischer stiftung und Fußballprofi Christoph Metzelder
Foto: Maren Winterfeld

Reinhold Haesser (Mitte) und sein Team der Gemeinschaft Emmaus Sonsbeck belegen den ersten Platz beim NRZ-Ehrenamtspreis. Foto: Gisela Weißkopf
Leben, arbeiten, helfen
Die Gemeinschaft Emmaus Sonsbeck belegt den ersten Platz beim Ehrenamtspreis
Sonsbeck. Platz eins? "Ich habe gedacht, da erlaubt sich jemand am Telefon einen dummen Streich", sagt Reinhold Haesser und kann jetzt sogar richtig strahlen. Die NRZ ist da und überbringt die frohe Botschaft noch einmal persönlich. Der Geschäftsführer der Gemeinschaft Emmaus in Sonsbeck bekommt den ersten Solidaritätspreis von NRZ und freddy fischer stiftung.
Und Reinhold Haesser, Herz, Hirn und Motor, ist platt. Er wusste nämlich gar nichts davon, dass der Paritätische sein Projekt der Jury vorgeschlagen hatte. Und das mit gutem Grund. Seit 25 Jahren verantwortet Haesser diese Lebensgemeinschaft Gestrandeter. Mehr als 100 Obdachlose, Drogen- und Alkoholabhängige oder Haftentlassene fassten auf dem Gelände der alten Stuhlfabrik wieder Fuß. "Sie hatten einen Lebensunfall", nennt der gebürtige Eifeler Haesser das. Bei der Emmaus-Gemeinschaft leben und arbeiten alle unter einem Dach. Ein Zweckbetrieb mit Gebrauchtwaren sichert einen Lebensunterhalt auf Minimalstandard. Aber in geordneten Bahnen. Und die 5000 Euro Siegprämie, die wird Haesser in die Erneuerung der Heizungsanlage stecken: "Das kommt gerade recht."

2. Platz: Hochheider Tasche, Duisburg
Silke Krause, eine der vielen ehrenamtlichen Helferinnen, verteilt Erdbeeren und anderes frisches Obst und Gemüse. Foto: Düngelhoff
Gemeinsam gegen Armut
Hochheider Tasche versorgt seit 2002 Bedürftige mit Lebensmitteln
Duisburg. Die Reihe reicht weit zurück, schlängelt sich aus dem Gebäude hinaus, bis auf den Bürgersteig. Die Menschen warten, mit leeren Taschen in der Hand. Rentner, junge Mütter, Familienväter. Sie alle gelten als bedürftig, sind darum registriert in der Datei der Hochheider Tasche. Über die wacht heute Friedhelm Pätschke, direkt am Eingang, die meisten Besucher spricht er allerdings mit Namen an. Wer hineinkommt, legt einen Euro auf den Tisch. "Für unsere Zukäufe wie Öl, Milch und Zucker", erklärt Pätschke.
Zum engen Organisatorenkreis der Hochheider gehören fünf Frauen und Männer, Pätschke ist einer davon. Insgesamt umfasst das Team 39 Ehrenamtler. Die Lebensmittel-Ausgabe in der engen Seitenstraße ist kein eingetragener Verein, sondern eine lose Gruppe engagierter Christen. Das Besondere: Katholiken und Protestanten gemeinsam, fast paritätisch, die örtlichen Gemeinden kooperieren hier. Jeden Mittwoch öffnet sich die Tür, und gut 120 Menschen gehen mit Erdbeeren, Brot, Eiern und Mehl nach Hause. Je nachdem, was gerade da ist. Das ökumenische Projekt wird seit 2002 nur durch Spenden von Privatpersonen gestemmt, mancher örtlicher Einzelhändler gibt, was er kann. Nun gibt’s den zweiten Platz beim Solidaritätspreis – und damit 3000 Euro.

3. Platz: Krass, Düsseldorf
Hilft Kindern, die Kreativität zu entdecken: Claudia Seidensticker.
Kunst macht Kinder stark
Krass unterstützt Kreativität der Kleinsten
Düsseldorf. Oft entsteht Gutes aus einem besonderen Moment. Bei Claudia Seidensticker war es ein tragischer. Als die Künstlerin bei Glatteis mit 100 Stundenkilometern gegen einen Baum raste, sah es lange so aus, als käme sie nie wieder richtig auf die Beine. Das Auto brannte aus, das Becken war zertrümmert, Koma. Erst 15 Monate später verließ die Wahl-Düsseldorferin das Krankenhaus in Essen.
Eine alte Idee wurde immer mächtiger. "Ich hatte bis vor dem Unfall viel Glück und im Unglück halt auch. Davon wollte ich etwas abgeben." Claudia Seidensticker gründete "Krass". Ihr Verein sichert Kindern aus sozial schwachen und kinderreichen Familien die Chance, ihre Kreativität zu entdecken. "Wir bieten Stipendien, Patenschaften, Workshops, komplett aus Spenden finanziert." Die plakativste Aktion brachte "Krass" sogar ins Guinness-Buch, als Seidensticker und Mitstreiter mit mehr als 100 Kindern ein Mal-Projekt veranstalteten. Über den dritten Platz beim NRZ-Ehrenamtspreis freut sich Seidensticker wahnsinnig. Und über die 1000 Euro: "Gerade bekomme ich eine Anfrage einer Schulpsychologin der Stadt Düsseldorf, die für zwei Mädchen eine Förderung sucht." Sollen sie bekommen, im KinderKunstHaus von "Krass".

3. Platz: Weg der Hoffnung, Oberhausen
www.wegderhoffnung.com
Aynur Çelikdöven vom Verein Weg der Hoffnung. Foto: Umbach
Der Weg der Hoffnung
Aynur Çelikdöven hilft türkischstämmigen Eltern, deren Kinder an Krebs erkrankt sind
Oberhausen. Der Trampelpfad führt vorbei an einem Schulgebäude und endet an einem kleinen Grundstück mit Wiese und Hütte. Aynur Çelikdövens Rückzugsraum, ihr Büro, wer so will. Dabei gibt es gar keine festen Zeiten für die Türkin. Manchmal geht auch nachts das Telefon, daheim versteht sich. Mit ihrem Mann und einigen Mitstreitern begleitet sie Familien mit krebskranken Kindern auf deren Leidensweg. Meist stammen sie aus der Türkei, verstehen Sprache und System nicht. Der Verein "Weg der Hoffnung" belegt den dritten Platz beim NRZ-Ehrenamtspreis.
Es gibt wohl keinen Menschen, der besser weiß, wie das ist: ein schwer krankes Kind, keine Ahnung von Rechten, Möglichkeiten, Chancen. Die Celikdövens hatten zwei krebskranke Kinder, einen Sohn verloren sie. Vor zehn Jahren gründeten sie den Verein, der nun 145 Mitglieder zählt. Es gibt wöchentliche Krankenhaus-Sprechstunden und viel Begleitung. Celikdöven: "Was wir machen, gibt es so in NRW nicht mehr." Weshalb die Nachfrage immer größer wird. Und die Türkin, die ja nun auch einen Job und einen Haushalt hat, sagt: "Wir wissen, was diese Menschen durchmachen, das treibt uns an."

